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mont ventoux

Entscheidung am "windigen Berg"

   
Am Mont Ventoux in der Provence sollte 2009 der Sieger der Tour de France gekrönt werden. Adventure-magazin.de-Mitarbeiter Timo Rokitta war live bei diesem Radsportevent dabei.

Mythos Mont Ventoux: Seit mehr als 50 Jahren hecheln die Radsporthelden zum Gipfel hinauf. Der Berg zählt zu den 'heiligen Bergen' der Tour de France.

Er ist schon fast so etwas wie ein Wahrzeichen der Provence. Mit seinem weißlich kahlen, weithin sichtbaren Gipfel vermittelt er selbst an heißen Sommertagen den Eindruck, als würde dort oben Schnee liegen. Überhaupt ist dieser Gigant der Provence einzigartig. Auf seinem Gipfel gedeihen Pflanzen, die sonst nur im subpolaren Klima zu finden sind. Außerdem kann es dort selbst im Sommer recht kühl sein - als Faustregel gilt etwa, dass es oben ca. 10° C kälter ist als unten.

Doch woher stammt der Name Mont Ventoux? Der Name des Mont Ventoux ist hergeleitet von "Mons Ventosus" (lat. "Windiger Berg"). Eine andere Interpretation ist das altkeltische Wort went, was soviel wie Berg bedeutet, oder es kann das Vent sein, im Französischen das Wort für Wind. Getreu dem Namen des Ventoux zerrt und wütet hier der Mistral mit unerbittlicher Härte (bis zu 230 km/h) und hat dadurch jede kleinste Erdkrume abgetragen. Nacktes weißes Erosionsgestein bildet deshalb den Gipfel des Berges.

„Der Spiegel der Adler“, wie ihn der Dichter René Char nannte, ragt am höchsten Punkt 1912 m über der Ebene des Comtat Venaissin auf. Die 95 Millionen Jahre alten Kreidefelsen sind weit über die Grenzen der Vaucluse hinaus bekannt. Der Mont Ventoux und sein Gipfel aus mineralischem Gestein, Ergebnis früheren Holzschlags, bieten Wanderern und Radsportlern, die an schönen Tagen in Scharen kommen, 1.800 m Höhenunterschied, gleich ob man von Malaucène kommend aus Norden oder aus südlicher Richtung von Bedoin aus den Aufstieg antritt. Der „Riese der Provence“, der 1858 zum Teil wieder aufgeforstet wurde, erstreckt sich über 580 km² und einer Länge von 25 km von Osten nach Westen. Botanikfreunde und Wissenschaftler finden hier ein Paradies vor, das am Fuße mit mediterranem Wald und am Gipfel mit arktischer Flora aufwartet – vom Olivenbaum bis zum gelben Alpenmohn, von der grünen Eiche bis zum Steinbrech ist alles vertreten. Rot- und Rehwild, Gämse und Wildschweine bevölkern dieses Naturparadies mit seinen Schwarz- und Waldkiefern, Buchen, Lärchen und Atlaszedern.

Der Berg bietet die Möglichkeit von drei verschiedenen Anstiegen, wobei der Südanstieg der schwierigste ist. Das Gipfelpanorama besteht aus der bekannten mondlandschaftsähnlichen Geröllwüste sowie der weit sichtbaren Radarstation der französischen Luftwaffe.

Auf dem Gipfel selbst strecken zahlreiche Sendestationen ihre Antennen zum Himmel, fast so also ob der Berg ihnen noch immer nicht hoch genug sei. Bei klarem Wetter bietet sich vom Gipfel ein atemberaubender Ausblick auf die Region. Es wird behauptet, dass man bei sehr klarem Wetter sogar die Pyrenäen sehen kann.

Und so krönt der Mont Ventoux den Tour-Sieger 2009, der sich am 26. Juli auf den Pariser Champs Elysées feiern lassen wird. Der Mont Ventoux ist aber das größte Mahnmal der Tour de France. Am 13. Juli 1967 starb hier Weltmeister Tom Simpson beim Anstieg zwei Kilometer vor dem kahlen, weißen Gipfel aus Geröll.

3000 Meter unterhalb des Gipfels kippte er erstmals vom Rad. Er schwingt sich noch einmal auf, fährt im Zickzackkurs einige Meter weiter, ehe er ein zweites Mal stürzt. „Put me back on my bike“ („Setzt mich wieder auf mein Rad“), ruft Simpson laut einigen Zuschauern noch. Dann kollabiert er. Rasche Wiederbelebungsmaßnahmen von Tourarzt Pierre Dumas bleiben ebenso erfolglos wie die spätere Verfrachtung per Helikopter ins Krankenhaus von Avignon. 17:40 Uhr diagnostizieren die Mediziner Herzversagen aufgrund überhöhter körperlicher Anstrengung. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Eine Obduktion gibt den Grund für den ersten durch Doping verursachten Todesfall bei der Tour preis. Simpson (29) hat im Verlauf der Etappe einen Cocktail aus Amphetaminen, Betäubungsmitteln und Alkohol eingenommen. Bei derart hohen Temperaturen wie am 13. Juli 1967 wirkt der Mix tödlich. Völlig ausgetrocknet sei der Körper gewesen, sagt Dumas. „Er war schon tot, als wir hinkamen.“ Dehydriert am Mont Ventoux.

„Er mag mich nicht, und ich mag ihn nicht“, sagte Lance Armstrong einmal über den Mont Ventoux. Am 13. Juli 2000 schenkte er dem Italiener Marco Pantani den Etappensieg und handelte sich dafür Vorwürfe der Arroganz ein.

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Erster Tour-Etappensieger auf dem einer Mondlandschaft gleichenden Gipfel war 1951 Lucien Lazarides. Nicht selten peitschen Mistral-Winde mit bis zu 250 Kilometer pro Stunde um die Bergspitze des Unesco-Biosphären-Reservats. Der 21,1 Kilometer lange Anstieg - maximale Steigung: 14 Prozent - ein Versprechen für Höllenqualen.

Am Mont Ventoux zerbrach auch die Karriere des Schweizer Tour-Siegers Ferdi Kübler, und selbst Eddy Merckx kam nicht ungeschoren über den ungeliebten Anstieg. „Anders als bei anderen Steigungen kannst du nie den Druck von der Pedale nehmen. Es gibt keine Sekunde zum Erholen. Wenn du aus dem Wald kommst, weht auf den letzten Kilometern meist ein unangenehmer Wind. Mein Lieblingsberg ist das auf jeden Fall nicht“, sagte einmal Rolf Aldag.

Bei der Tour de France 2009 sollte eine spektakuläre Neuerung für Dramatik sorgen: Die vorletzte Etappe endet mit einer Bergankunft auf dem legendären Mont Ventoux. "Das wird die Spannung erhöhen", sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme bei der Strecken-Präsentation in Paris.

Erstmals in der 106-jährigen Geschichte der Frankreich-Rundfahrt endet die vorletzte Etappe mit einer Bergankunft. Am Vortag des finalen Teilstücks nach Paris wird die Entscheidung nicht wie in den Vorjahren in einem Einzelzeitfahren fallen, sondern am Mont Ventoux in einer Höhe von 1912 Metern.

Es ist Samstag, der 25.7.2009 an der Küste in Südfrankreich. Früh brechen wir von unserem Hotel an der Küste auf. Am Ortseingang von Mormoiron hält uns ein Polizist an und meint, dass die Durchfahrt gesperrt sei, da in der Ortsmitte die letzte Sprintprüfung durchgeführt wird. Er weist uns einen Parkplatz im Ort zu. Doch wir können uns nochmal davonstehlen und gelangen so nach Bedoin, 22 Kilometer vor dem Gipfel des Mont Ventoux. Hier ist dann endgültig Schluss.

Außerhalb des beschaulichen Örtchens, das heute aus allen Nähten zu platzen droht, finden wir einen Parkplatz und versuchen nun zu Fuß den Berg zu bezwingen. Am Ortsende passieren wir das Schild, das auf die letzten 21,1 Kilometer hinweist. Von hier aus laufen wir zunächst fünf Kilometer leicht ansteigend die Straße hinauf, bis bei Saint-Esteve eine Linkskehre den richtigen Anstieg darstellt. Ab hier stehen die Zuschauer schon in Dreierreihen am Straßenrand und warten auf die Fahrer. Es ist mit über 30 Grad brütend heiß und die Steigung wird ab hier nicht mehr unter 9% fallen. Was die Fahrer hier durchstehen ist fast unvorstellbar.

Als wir die 10 Kilometermarke erreichen kommt die Werbekarawane vorbei und wirft allerlei Material von den Wagen. Wir können unter anderem eine Flasche Vittel und drei Mützen ergattern.
Deutsche Radsportfans treffen wir nur selten an. Zwischen den Franzosen, die natürlich in der Überzahl sind, stehen auch viele Amerikaner am Straßenrand. Manche Zuschauer sind dabei verkleidet, so erkennen wir Elvis, die Schlümpfe oder auch Phantasiekostüme, die bei dieser Hitze bestimmt nicht angenehm zu tragen sind.

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Die Straße ist bemalt von den jeweiligen Fans mit Anfeuerungssprüchen oder den Landesflaggen. Als es noch acht Kilometer bis zum Ziel sind – die Menschenmassen stehen schon in Fünferreihen – tauchen plötzlich die Hubschrauber am Himmel auf. Jetzt heißt es stehen bleiben, um nicht von den Begleitfahrzeugen gerammt zu werden.

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Ein Fahrer vom Team Rabobank und ein Fahrer vom Team Columbia treten was das Zeug hält in die Pedale und bilden die Spitze des Feldes. Beide haben total glasige Augen und der Schweiß fließt in Strömen unter ihren Helmen. Später erfahren wir, dass es sich bei dem Columbiafahrer um den Deutschen Toni Martin gehandelt hat, der den Etappensieg nur um drei Sekunden verpasste. Nach einem weiteren Rabobankfahrer kommen die Führenden in der Gesamtwertung mit dem Leader Alberto Contador und Frank Schleck. Eine halbe Minute später folgen dann die Astanafahrer Klöden und Armstrong. Es dauert von nun an 20 Minuten bis das Hauptfeld mit schweren Tritten um die Kurve kommt. Den Führenden der Sprintwertung Thor Husvold erkennen wir leicht an seinem grünen Trikot.

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So schnell wie es losging ist dann auch alles vorbei. Die Zuschauer stürmen von nun an in Scharen bergab oder zu ihren Wohnmobilen, in denen viele einen Fernseher haben. Während wir zurücklaufen sehen wir viele Rennradfahrer stürzen, was natürlich die Ambulanz auf den Plan ruft. Nach fast zweieinhalbstündigem Rückweg sind wir wieder zurück am Auto. Im Hintergrund grinst uns der Mont Ventoux mit seiner weißen Spitze an. Irgendwann kommen wir zurück und werden ihn komplett bezwingen. Ob mit dem Rad oder zu Fuß – das hängt von den Organisatoren der Tour de France ab.

Text und Fotos: Timo Rokitta

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